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» Ein Jahr des Wandels

Ein Erfahrungs-Bericht von Stefan


Vielleicht stelle ich mich zu Begin einfach mal vor: Mein Name ist Stefan, ich bin 18 Jahre alt, im Forum als Dance_Man bekannt und wenn ich mich so vom Typus in den letzten 366 Tagen beschreiben müsste dann bräuchte ich folgende Eigenschaftswörter  introvertiert, extrovertiert, schüchtern, selbstbewusst, Einzelgänger, Partymensch, zurückhaltend, mutig, ungeoutet, geoutet...

...Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzen, aber ihr habt sicher schon gemerkt, dass viele dieser Wörter nicht zusammenpassen, zumindestens nicht, wenn man einen einzigen Menschen beschreiben will. Oder vielleicht doch?
Vielleicht folgt ihr mir mal auf eine Zeitreise in den Herbst 2007.

Ich, der Einzelgänger, hatte kaum Freunde und Selbstbewusstsein war ein Fremdwort für mich.

Dass ich schwul bin, wusste ich schon seit meinem 14. Lebensjahr. Aber im Herbst 2007 wurde mir richtig bewusst, dass ich auch Kontakt zu anderen Schwulen aufnehmen muss, wenn ich neue Leute kennenlernen, Freundschaften schließen und auch mal einen Freund finden will. Ich meldete mich also bei GayUnion an und begann, im Forum zu lesen und mich mit eigenen Beiträgen einzubringen.
Aber sich bewusst zu werden, dass man andere Leute kennenlernen möchte, die ebenso wie man selbst ticken und dies dann auch in die Realität umzusetzen, sind wohl zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber im Forum las ich dann in einem Thread von LostBoy, dass es ihm in Sachen Selbstbewusstsein und Freunden ähnlich ging wie mir. Auch er wünschte sich Kontakt zu anderen netten Jungs und so diskutierten wir in seinem Thread über dieses Thema und bekamen sehr viel Hilfe von anderen Usern. Diese Hilfen sollten mein Leben in eine völlig neue Richtung lenken.

Während wir uns im Forum öffentlich unterhielten, schrieb ich auch mit einigen Usern in dieser Zeit per PN - u.a. auch mit dem User DasAnderl, welcher schliesslich vorschlug, dass man sich doch mal in einer kleinen Gruppe in Köln treffen könne und so den Schritt in die reale Welt wagen solle. Ich bezweifelte anfangs, dass ich den Mut dafür aufbringen würde. Dennoch sagte ich nach kurzer Bedenkzeit zu. Woher ich diesen Mut nahm weiß ich bis heute nicht, aber nichts desdo trotz planten die 3 User Funky, LostBoy und Dance_Man unter der Leitung vom Anderl das Treffen am 1. Oktober 2007. Für meine Mutter war ich bei Freunden, denn ich war natürlich noch ungeoutet und meine Mutter hätte mich nie alleine nach Köln fahren lassen.

Die Fahrt mit der Bahn nach Köln war schon die erste Anstrengung für mich. Ich war noch nie so weit alleine mit der Bahn verreist und hatte schon pure Angst, überhaupt anzukommen bzw. mich dann dort zurecht zufinden. Und was sollte dann kommen?
Ich, der Junge ohne viele Freunde und der Angst, mit fremden Menschen zu sprechen, sollte mich nun mit total fremden Leuten aus dem Internet treffen?! Was ist, wenn die mich doch nicht so nett aufnehmen, wie sie schreiben? Was ist, wenn sich hinter den Usern aus dem Forum Faker verbergen?

War die Fahrt schon der Horror, so waren die letzten Meter zum vereinbarten Treffpunkt die spannendsten Momente in meinem Leben. Ich war so nervös, dass ich mich sogar in leisen Selbstgesprächen selber fragte, was ich hier eigentlich tat. Aber schnell stellte sich heraus, dass alle meine Ängste total unberechtigt waren. Zusammen mit dem Anderl warteten wir auf der Domplatte auf die anderen, die sich leicht verspäteten. Für Lostboy und mich waren die beiden anderen die ersten Schwulen, die wir trafen. DasAnderl und Funky kannten sich schon von früheren Treffen. Ich möchte jetzt nicht weiter über dieses Treffen berichten, da man meinen Erfahrungsbericht darüber hier im Forum (Link) nachlesen kann.

Auf jeden Fall hinterliess dieses Treffen einen mehr als positiven Nachgeschmack und ich wollte mich unbedingt wieder mit ihnen treffen. Ende Oktober trafen wir uns dann im MoviePark zu einem Halloween-Spektakel und im Dezember gingen wir mit insgesamt 12 anderen Usern Eislaufen und besuchten den Dortmunder Weihnachtsmarkt. Die Tatsache, dass alle Leute bei unseren Usertreffen super nett und sympathisch waren, nahm mir immer mehr meine Ängste und Unsicherheiten, die ich vor den Treffen hatte. Mittlerweile kann ich ganz entspannt zu den Treffen gehen, auch dann, wenn viele neue Leute dabei sind.

Allerdings tauchte bald ein ganz neues Problem auf, welches die Teilnahmen an den Treffen arg gefährdete: Mir gingen die Ausreden bei meiner Mutter aus, wo ich hinfahre und mit wem ich mich treffe. Es lies sich also nicht mehr länger hinauszögern: ich musste mich outen.

Einen Tag vor Heiligabend war es dann soweit. Ich frage mich zwar heute, warum ich das ausgerechnet direkt vor Weihnachten gemacht habe, aber das Outing verlief halbwegs gut.
Ich brauchte gut eine Stunde, um endlich die drei magischen Worte über meine Lippen zu bringen. Aber dann hatte ich es endlich geschafft. Es war raus. Und ich war extrem erleichtert. Meine Mutter hatte kein Problem mit meiner Homosexualität, jedoch hatte ich ihr auch gebeichtet, dass ich sie belogen hatte, wenn ich heimlich zu den Usertreffen fuhr. Und diese Lügerei nahm sie mir richtig übel.

Die Wochen nach meinem Outing waren sehr hart, da meine Mutter kaum mit mir gesprochen hatte. Aber ich fand Kraft und Trost bei meinen neuen Freunden, die mir in dieser Zeit Mut machten. Und zum Glück besserte sich die Situation zu Hause und bald wurde alles wie früher.

Nun viel freier fand ich auch den Mut, mich alleine mit neuen Leuten aus dem Internet zu treffen. So lernte ich ebenfalls neue Freunde kennen, mit denen ich mich teilweise immer noch regelmäßig treffe und z.B. in einen schwulen Club gehe. Für mich immer noch schwer vorstellbar, dass ich heute in einem schwulen Club abfeiern gehe. Vor einem Jahr hätte
ich laut gelacht, wenn mir das jemand prophezeit hätte.

Zum ersten Mal seit Jahren feierte ich meinen Geburtstag wieder, bei dem sowohl meine beiden Heterofreunde, als auch die neuen Leute von GayUnion dabei waren und wir verbrachten einen schönen Nachmittag beim Bowlen und abends gings noch in eine Szenebar in Dortmund - mit Heterofreund.

Es folgten immer neue Treffen, die mich immer wieder neu herausforderten und bei denen ich mich weiterentwickelte.

Stand ich im MoviePark noch staunend daneben wenn sich MSN und DasAnderl (mit Höhenangst *g*) von wahren Schreckensmaschinen durch die Luft wirbeln liessen, in abenteuerlichem Tempo verknoteten Schienensträngen folgten oder sich in luftige Höhen ziehen ließen, um sich dann umso schneller wieder dem Boden entgegenfallen zu lassen, so folgten bei weiteren Treffen meine ersten Achterbahnfahrten und FreeFalls, die für mich kurze Zeit vorher noch undenkbar gewesen wären. Mein Selbstbewusstsein wurde immer mehr gestärkt und ich lernte durch die inzwischen nun gegründete GayUnion e.V. bei den offiziellen Usertreffen der Cliquen eine riesige Anzahl von neuen netten Leuten kennen.
Früher habe ich ruhige Wochenenden vor dem Fernseher verbracht. Jetzt bin ich meistens in ganz NRW unterwegs, um mich mit der GayClique oder meinen neuen Freunden zu treffen und gemeinsam eine schöne Zeit zu haben.

Heute, am 01. Oktober, werde ich wohl wieder in Köln stehen und blicke gemeinsam mit den anderen auf ein gemeinsames Jahr zurück. Ein Jahr, in dem sehr viel passiert ist und in welchem sich sehr viel für mich zum Positiven verändert hat. Aus dem schüchternen, verschlossenen Jungen mit wenig Selbstbewusstsein ist ein kontaktfreudiger Mensch mit neuen Freunden geworden. Dafür möchte ich mich bei den Machern von GayUnion, die diese Plattform betreiben und bei DasAnderl, Funky, LostBoy und MSN ganz herzlich bedanken. Ihr habt mir viel damit gegeben.

Allen da draußen, die diesen Weg noch vor sich haben, gebe ich den Rat: Überwindet eure Angst und trefft euch mit Leuten aus dem Forum. Als ich früher die Coming Out Geschichten auf GayUnion.de las, in denen das Outing der Jungs super aufgenommen wird und sie neue Freunde finden, dachte ich, dass mir so etwas eh nicht passiert und das diese Jungs einfach extrem viel Glück im Leben hatten.

Das stimmt aber nicht. Ihr selbst habt es in der Hand, euer Leben zu verändern. Nutzt die Chance, die euch GayUnion bietet. Denn genau für das, was ich erleben durfte und weiterhin darf, steht die GayUnion: Gemeinschaft im realen Leben.

Vielleicht sehen wir uns ja beim nächsten Usertreffen ;-)

Viele liebe Grüße

Stefan



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Artikel erstellt am 01.10.2008 von Stefan


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