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» Online-Liebe: Total verknallt 2.0

Wenn die Online-Liebe Dich erwischt


„Ich bin total verliebt“, kommt es aus dem Telefonhörer, „und weiß überhaupt nicht wie ich es ihm sagen soll!“. Ein Anruf, wie er das GayUnion e.V.-Support-Team häufiger erreicht. Verliebt in das eigene Geschlecht - ein Problem, welches so ziemlich jeder Schwule und jede Lesbe kennen dürfte.

Gemeinsam werden Ideen ausgetauscht, wie man den großen Schwarm wohl ein bisschen über seine eigenen Gefühle aufklären könnte, welche Wege es gibt, um der großen Liebe ein bisschen die Augen zu öffnen, abzuchecken wie er auf dieses Thema reagieren könnte. Doch irgendwie ist bei diesem Anruf doch nicht alles so wie sonst: „Naja, nur wie soll ich an ihn ran kommen – ich kenne ihn doch gar nicht!“ Ähhm – Moment! Hatte der Anrufer, er heißt Christian, nicht gerade noch erzählt, dieser Junge wäre seine große Liebe? Derjenige, wegen dem er total down und traurig ist – und jetzt kennt er ihn gar nicht?! „Ich hab ihn doch nur gestern einmal gesehen – aber hab mich total in ihn verliebt!“.

„Wie lächerlich!“ wird sich jetzt der ein oder andere Denken – doch für Christian ist dieses Problem real und authentisch. Ein Problem, welches für ihn nicht weniger wiegt als andere seiner Probleme. Und als solches will er es auch verstanden und behandelt wissen – einfach nur mit dem notwendigen Respekt.

Der ein- oder andere wird sich wohl auch in dieser kleinen Geschichte wiedererkennen. Viele werden eine solche, oder eine ähnliche Erfahrung bereits gemacht haben. Gerade im Zeitalter des sich online Kennenlernens spielen die Gefühle manchmal regelrecht verrückt. Auf einmal pocht das Herz, obwohl der andere Mensch über 500 Kilometer von einem entfernt wohnt, man ihn noch nie gesehen oder ihm in die Augen geschaut hat. Oder man kennt sich gerade einmal zwei, drei Stunden und trotzdem ist es auf einmal da, das Gefühl, so richtig verliebt zu sein.

Stellt sich die Frage nach den Ursachen für diese Hals-über-Kopf-Empfindungen. Wie kommt so etwas eigentlich zustande? Eine weit verbreitete Theorie sieht die Ursache darin, dass sich vor allem homosexuelle Jugendliche meist auf virtuellem Weg finden. Entgegen dem kennen lernen von Junge und Mädchen, welches zu Großteilen in der realen Welt stattfindet. Man kennt sich meist schon eine ganze Weile, bis man irgendwann entdeckt, dass da mehr ist.

So interessant und hilfreich die beliebten Dating-Plattformen wie Funkyboys und Co. für homosexuelle Jugendliche auch sind, so tückisch und instabil sind oftmals die darüber entstehenden Freundschaften und Beziehungen. Man klickt sich gelangweilt durch abertausende Profile, schaut sich ein Foto nach dem nächsten an – und plötzlich ist er da. Der süßeste, schnuckeligste Boy ever! Schnell eine Message rüber geschickt, gespannt auf die erste Rückmeldung gewartet – und schon befindet man sich mitten in der größten Chat-Schlacht. Nicht lange darauf stellt man fest, wie nett dieser süße Mensch da am anderen Ende doch ist und auch wenn er am anderen Ende von Deutschland wohnt, ist es irgendwie schnell um einen Geschehen: Plötzlich ist man total verliebt! Verliebt in einen Menschen, den man eigentlich noch gar nicht so wirklich kennt, nur online aus Chats, eventuell noch von einigen wenigen Telefonaten.

Ein großer Teil der homosexuellen Beziehungen unter Jugendlichen läuft nach diesem Muster ab. Gerade die junge Schwulen-Welt hat einen äußerst schnelllebigen Ruf was Beziehungen angeht. Die Gründe sind meist darin zu suchen, dass man seinen jeweiligen Partner oftmals erst in den ersten Wochen des Zusammenseins wirklich kennen lernt. Zu diesem Zeitpunkt befindet man sich jedoch schon in dieser „glücklichen Beziehung“ - eine schwierige Situation dann zu realisieren, dass der große Schwarm, die große Liebe, doch irgendwie so gar nicht der Mensch ist, den man vermeintlich in ihm gesehen hat.

Nun, des Rätsels Lösung?! Die gibt es in dieser Situation eigentlich gar nicht, denn homosexuelle Jugendliche sind beim kennen lernen zu allergrößten Teilen auf die Onlinewelt angewiesen. Das Einzige, was hier ein wenig vor allzu schnellen Empfindungen schützen kann ist der Versuch, seine Gefühle erstmal halbwegs unter Kontrolle zu halten und seinem Kopf den Vorrang zu geben, der einem hoffentlich noch sagt: „Hey, eigentlich kennst du diesen Menschen noch garnicht wirklich – lass Dir Zeit“!



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Artikel erstellt am 15.01.2008 von Benedikt


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