» Sexueller Missbrauch
Eine seelische Narbe bleibt immer
Je besser die soziale Situation des Kindes ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tat im Dunkeln bleibt. Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher eine Situation als traumatisch erlebt
, entsteht traumatischer Stress und in dessen Folge eine seelische Wunde. Woran man arbeiten kann, ist die Wundheilung. Aber es wird auf jeden Fall eine seelische Narbe bleiben.
Die Langzeitfolgen reichen von Depressionen, Ängsten, Panikattacken, Schlafstörungen und aggressivem Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen, zermürbenden Erinnerungen, immer wiederkehrenden Suizidgedanken, Essstörungen, Drogenkonsum. Viele der Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich auf Beziehungen einzulassen und sexuelle Probleme - überhaupt etwas zu empfinden. Studien legen zudem nahe, dass frühkindliche Traumatisierungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sozial zu scheitern und im mittleren Lebensalter körperlich zu erkranken.
Es ist wie Kopfkino, das Gehirn gaukelt dann dem Bewusstsein vor, die schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit fänden jetzt in diesem Augenblick wieder statt - und zwar mit aller Grausamkeit. In dieser Flashback-Situation ist der Mensch nur Schmerz. Das kann soweit gehen, dass es zu Kurzschlusshandlungen kommt: Der Betroffene - es kann auch ein jüngeres Kind sein - versucht, sich das Leben zu nehmen.
Bis zu einem Alter von etwa drei Jahren lässt unser Gehirn nicht zu, dass wir uns an Vorkommnisse vor dieser Zeit erinnern. Lediglich das Körpergedächtnis kann körperliche Verletzungen abspeichern, die dann das Kind, wenn es älter ist, in Form von nicht akut begründbaren Schmerzen belasten - wie etwa starke Unterleibsschmerzen.
Plötzliches Zurückziehen, Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, ein nicht altergemäßes, stark sexualisiertes Verhalten, Trennungsängste und auch regressives Verhalten - wenn etwa größere Kinder plötzlich wieder Daumenlutschen oder in der Babysprache sprechen. Auch erneutes Einkoten oder Bettnässen bei nicht mehr ganz kleinen Kindern sind mögliche Anzeichen. Aber man muss genau hinschauen, es kann auch etwas ganz anderes hinter solchen Verhaltensweisen stecken.
Häufig passiert das aus der Angst heraus, nicht ernst genommen zu werden.
Diese ist nicht unbegründet: Es gibt erschreckend viele Eltern, die ihren Kindern zunächst nicht glauben. Viele Kinder und Jugendliche schweigen auch aus Scham oder werden vom Täter massiv unter Druck gesetzt. Oder ihr inneres Gleichgewicht ist derart massiv gestört, dass sie nur einen Ausweg finden: vergessen, verdrängen, ausblenden.
Wir erleben bei fast allen, dass sie sich Vorwürfe machen, sich selbst die Schuld geben für das, was passiert ist. Zum einen ist da die Argumentationsschiene, die vom Kind selbst ausgeht: Ich hätte es verhindern müssen, ich hätte nicht die Türe öffnen dürfen, ich hätte mich anders anziehen müssen. Und ich hätte mich wehren müssen. Auch wenn das Kind das gar nicht konnte. Zum anderen sorgt in vielen Fällen auch der Täter dafür, dass sich das Kind schuldig fühlt, indem er ihm zum Beispiel vorwirft, eine "Schlampe" zu sein, ihn verführt zu haben.
Das Schlimmste, was einem Kind passieren kann, ist, wenn der Täter die Mutter oder der Vater ist. Das ist eine seelische Wunde, bei der man sich fragen muss: Ist sie überhaupt heilbar? Studien haben gezeigt, dass die traumatische Erfahrung für das Kind um so gravierender wird, je enger die Opfer-Täter-Beziehung war, je jünger das Opfer ist, je häufiger es zu sexuellen Misshandlungen kam beziehungsweise je länger dies andauerte. Auch körperliche Gewalt und die Androhung von Strafen verschlimmern die Folgen.
Nehmen
wir den Fall eines Mädchens, das von einem Fremden einmalig missbraucht wird, es sofort der Mutter erzählt und diese das glaubt. Die beiden gehen umgehend zu einer Traumatherapeutin, der Täter wird gefasst und kommt ins Gefängnis. In so einem Fall kann es durchaus gelingen, in Wochen bis Monaten erfolgreich zu behandeln. Schwieriger wird es - und das ist leider häufiger der Fall - wenn der Missbrauch über einen längeren Zeitraum geschah, der Täter aus dem Nahfeld kommt und die Mutter davon wusste, also das Kind im Grunde verraten und verkauft hat. Das braucht oft viele Jahre Therapie.


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