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GayUnion e.V. - Leben - Coming-Out-Stories
Startseite » Leben » Coming-Out-Stories » Andreas wurde vor der ganzen Schule bloßgestellt

» Andreas wurde vor der ganzen Schule bloßgestellt

Verraten von der besten Freundin


Wenn ich an mein Coming-out denke, dann werde ich wohl doch einige Jahre zurückgehen müssen. Es muss so 2002 sein, denn ich bin gerade einmal 12 Jahre alt als ich merke, dass mein Leben sich bald stark verändern wird.

Im Alter von 12 Jahren bin ich wie jeder andere auch noch ganz normal zur Schule gegangen. Es war eine Gesamtschule, die ich besuchte und auf der ich auch Schulsprecher war. Wie jedes Jahr veranstaltete unsere Schule gute 6 Wochen, bevor die Sommerferien in Baden-Württemberg anfingen, eines der größten schulischen Fußballturniere im Rhein-Neckar-Kreis. Wie jedes Jahr freute ich mich sehr auf dieses Ereignis, da ich damals selbst noch aktiv Fußball gespielt habe und es für die ganze Schule jedes Jahr ein sehr großes organisatorisches Ereignis war. Nur ein Tag zuvor tat ich etwas, was ich besser so damals nie hätte tun sollen.

Wie jeden Tag, auch an dem Tag vor dem Turnier, trafen wir uns nach der Schule immer mit unseren Freunden aus der Schule, in Bammental auf einer Wiese, die genau zwischen einem kleinen Fluss und der dortigen Bahnstrecke lag. Es war ein sehr warmer Tag, das weiß ich noch ganz genau. Wir wollten nämlich immer alle mal in diesem kleinen Fluss baden gehen, aber das Wetter hatte es nie zu gelassen bis zu diesem Tag.

Als sich der Tag so langsam gehend dem Abend neigte, saßen wir alle zusammen auf unseren Decken und erzählten, spielten Spiele und machten sonstigen Mist. Kurze Zeit darauf nahm ich mir eine gute - damals sogar fast meine beste - Freundin zur Hand und sagte ihr, dass ich dringend mit ihr reden müsse. Wir gingen also ein paar Schritte von der Gruppe weg und ich sagte ihr auch prompt, dass ich schon seit längerer Zeit verliebt sei, worauf sie nur antwortete, dass dies doch sehr schön sei und fragte aber auch wer die Glückliche denn sei?

Von mir kam nur die Antwort: „Wohl eher der Glückliche."

Sie schaute mich sehr erschrocken an, versprach mir aber nichts zu verraten und es für sich zu behalten. Der nächste Tag zeigte mir aber, dass es bei dem was sie mir versprochen hatte leider nicht geblieben war. Als ich also an dem Tag des Turnieres in die Schule kam, schaute mich irgendwie jeder komisch an. Schaute nur, aber sagte nichts... Und ich denke, die meisten werden wissen welche starrenden Blicke ich meine. Ich konnte mir zwar ahnen um was es gehen könnte, verhielt mich aber erst einmal doch sehr normal und ließ mir so gut es ging nichts anmerken... bis ich in die Turnhalle kam, mich eine andere Mitschülern sah und quer durch die ganze vollbesetzte Halle rief: "Na Andy, wie geht’s uns mit den schwulen Gefühlen!" Genau in dem Moment hätte ich mir ein 10x10 Meter großes Loch gewünscht in das ich hätte versinken können. Es brach eine Welt zusammen.

Auf der Stelle drehte ich mich wieder um, rannte in die Umkleidekabine der Halle, zog mich um und flüchtete in Richtung Heimat. Dort angekommen schloss ich die Tür auf, um bis auf dem Weg in mein Zimmer jede Tür so zu zuwerfen das man hätte denken können, das Haus fällt zusammen und verweilte dort bis meine Mutter mein Zimmer betrat. Mit doch einem sehr bösen Ton kamen von ihr nur die Fragen, ob ich noch ganz dicht sei ihr so auszutricksen und was ich denn überhaupt jetzt schon zuhause mache? Ich, der auf seinem Bett gesessen hat und am Weinen war, schmiss ihr nur ein Kissen vor die Füße und brüllte sie nur mit den Worten an: "Nur das auch du es weißt: Ich bin schwul!"

Man merkte richtig wie auf einen Schlag alles still war, was aber nicht wirklich lange dauerte. Meine Mutter kam dann zu mir, setzte sich auf mein Bett, nahm mich in den Arm und sagte nur einen Satz -und ich denke den vergesse ich nie: "Na gut das du das jetzt auch mal weißt." Stand auf, gab mir ein Kuss auf die Stirn und ging mit den Worten: "Ich lasse dich erst mal alleine." in meinem Zimmer verweilen.

Für mich war jetzt alles noch schlimmer. Die eigene Mutter hat das Ganze wohl schon früher gewusst als ich, in der Schule lachten sie nur über einen und ich wusste nicht was ich machen soll. Ganze 2 Wochen habe ich keinen Fuß mehr aus dem Haus gemacht und bin nicht zur Schule gegangen. Bis es eines Mittags bei uns an der Tür klingelte. Meine Mutter öffnete, kam auf mein Zimmer und sagte leicht grinsend, dass ich Besuch hätte. Besuch? Für mich? Jetzt? Kurzer Hand kletterte ich aus meinem Bett ging die Treppe hinunter und sah wie meine ganze Klasse - alle 22 Schüler - sich nach der Schule auf dem Weg zu mir gemacht hatten um sich nach mir zu erkundigen.

Lange haben wir alle geredet und alle sagten mir immer wieder, dass ich doch wieder zur Schule kommen sollte und sie mit meiner Homosexualität kein Problem haben, ich wäre ja immer noch der gleiche. Mit sehr viel neuer Kraft ging ich am nächsten Tag zum Erstaunen vieler Schüler wieder zur Schule. Es gab noch gut 4 Wochen nach meinem neuen ersten Schultag dumme Sprüche, bei denen aber meine Klasse immer hinter mir stand und mir geholfen hat wo es nur ging.

Das Fazit, was ich also heute ziehen kann ist, dass ich nicht weiß ob ich mich je geoutet hätte. Heute kann ich meine Homosexualität ganz offen Leben und mir geht es damit besser als ich es mir je gedacht hätte. Bis hin zu meinem Abschluss wurde ich jedes Jahr wieder zum Schulsprecher gewählt und habe immer wieder gelernt zu zeigen wer und was ich bin!

Zum Abschluss eventuell noch zu sagen ist, dass ich leider nie meiner ersten Liebe gesagt habe, was ich empfinde und das bis heute nicht. Aber leider vor 4 Jahren feststellen musste, dass er sich selbst als Homosexueller geoutet hat.

Liebe Grüße
Euer Andy

Artikel erstellt am 20.09.2011 von Henning

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