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Startseite » Leben » Coming-Out-Stories » Chris (19) hatte beim Outen Hilfe

» Chris (19) hatte beim Outen Hilfe

Sein Freund stand an seiner Seite


Wenn ich jetzt zurückdenke, hat alles schon früh in der Schule angefangen, was ich damals vielleicht noch gar nicht wahr genommen habe. Aber jetzt weiß ich es besser. Es fing so in der sechsten Klasse an.

Meine Familie ist umgezogen in unser Haus und dadurch musste ich leider auch die Schule wechseln. Ich kannte aus meiner Klasse nur meine beste Freundin. Ihr müsst wissen, wir sind nur in einen anderen Stadtteil gezogen. Es war wie es war, ich kam in eine neue Klasse. Aber ich konnte tun was ich wollte und trotzdem wollte irgendwie keiner mit mir was zu tun haben außer meiner besten Freundin. Später fing es auch an, dass ich gemobbt worden bin. Von wegen Schwuchtel, Homo, Tunte und so weiter. Vielleicht kennt das ja einer von euch. Jedenfalls ging es mir jeden Tag immer schlechter, weil in der Zeit ich die Seite von mir noch nicht gekannt habe - beziehungsweise wusste ich davon nichts. Habe mir auch nie weiter ein Kopf drüber gemacht.

In der achten Klasse fing es dann auch an, dass es zu körperlichen Angriffen kam. Mal wurde ich da geboxt oder die klauten meine Sachen und machten damit irgendwas. Meine Eltern haben es nicht mitbekommen, weil ich immer alles so gut wie es möglich war geheim hielt. In der neunten Klasse wurde ich dann einmal sehr doll zusammengeschlagen, sodass ich jeden Tag Angst hatte in die Schule zu gehen. Ab da fing ich an darüber nachzudenken, da ich dann erst langsam merkte, dass ich Mädels nie wirklich beachtet habe. Nur Freundinnen, aber weiter nichts. Ich schaute immer den Jungs meiner Schule hinterher. Aber ich wollte es nicht wahr haben und verdrängte den Gedanken schnell wieder. Aber als das Mobbing in der Schule nicht aufhörte, spielte ich öfter mit dem Gedanken mich einfach umzubringen. Schluss aus. Der Gedanke kam mir damals so einfach vor: Wenn ich tot bin habe ich meine Ruhe.

Aber zum Glück habe ich es nicht getan. Jedenfalls beendete ich meine Schullaufbahn und fing meine Lehre an. Da habe ich öfters drüber nachgedacht. Ich schaute dann einfach mal in verschiedene Gay Communitys hinein und schrieb auch mit ein paar Leuten. Und ich fühlte mich echt verstanden. Nach einer gewissen Zeit habe ich mich mal mit einem Jungen aus meiner Gegend getroffen und wir haben den ganzen Abend geredet und irgendwann war er auch mein erster Freund. Aber meine Eltern wussten davon nichts. Als ich mit ihm fast drei Monate zusammen war, fing ich an bei meiner besten Freundin das Thema "Schwul" anzuschneiden. Wir quatschen viele Stunden darüber und dann beichtete ich ihr, dass ich schon seit ein paar Monaten einen Freund habe. Solche Angst wie in dem Moment hatte ich nur selten. Bevor ich zu ihr ging hatte ich mir die schlimmsten Sachen in meinen Kopf ausgemalt aber im Endeffekt hat sie es super aufgenommen. Sie umarmte mich und freute sich, dass ich mich ihr anvertraut hatte. Ein paar Tage später lernte sie ihn direkt kennen und zu meiner Beruhigung verstanden sich die beiden super. Wir gingen zu dritt ins Freibad und unternahmen viel. Sie war die einzige die von ihm und mir wusste und sagte es wirklich keinem. Nach und nach outete ich mich bei meinem Freundeskreis. Das Erstaunliche war wie locker es die meisten aufgenommen haben - aber meine Familie wusste bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Einige Monate später, um genau zu sein am Heiligabend war die ganze Familie versammelt. Mein Bruder mit seiner Frau (er ist 7 Jahre älter als ich), meine Oma und meine Eltern. Wir saßen gerade beim Abendbrot und redeten, ich überlegte wie ich es ihnen am besten sagen sollte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, weil alle wichtigen Personen da waren. Aber irgendwie traute ich mich nicht. Nach dem Abendbrot verzog ich mich kurz in mein Zimmer um meinen Freund anzurufen. Er wollte sich an dem Abend auch bei seiner Familie outen. Als er an sein Handy ging fragte ich ihn sofort wie es gelaufen ist. Er sagte mir, dass alles super ist und seine Familie damit kein Problem habe. Wir freuten uns beide am Handy wie kleine Kinder. Als er fragte wie es bei mir war, fing ich an zu weinen und sagte ihm, dass ich mich nicht getraut hatte. Nach einigen Minuten des Schweigens sagte er, "Warte damit noch, oki?". Ich antwortete mit einem kurzen "Ja." und war froh es heute nicht mehr machen zu müssen.

Ich ging wieder ins Wohnzimmer und dann fingen wir mit den Geschenken an. Zwei Stunden nach dem Telefonat mit meinem Freund klingelte es an der Tür. Meine Mutter ging an die Tür und wer stand da? Mein Freund! Ich rannte zur Tür und holte ihn in mein Zimmer. Natürlich fragte ich was er hier wollte. "Wir reden jetzt mit deiner Familie und outen dich! Wir beide gemeinsam.", sagte er zu mir. Ich atmete einmal Tief ein und nickte. Nach paar Minuten gingen wir gemeinsam ins Wohnzimmer zu dem Rest der Familie. Er fing dann an zu reden. Er fragte meine Familie wie sie zum Thema Homosexualität stehen würden. Die Antwort war eindeutig, sie hatten kein Problem damit. Also fing ich an ihnen zu erzählen das ich schwul bin und er seit einigen Monaten mein Freund war. Meine Mutter kam sofort zu uns und umarmte uns beide und sagte, dass sie es sich schon gedacht hat. Ab da an redeten wir nie mehr drüber. Weil es alle so akzeptiert haben und es nicht schlimm finden.

Heute bin ich zwar nicht mehr mit meinem damaligen Freund zusammen, aber wir sind noch sehr gute Freunde. Und dass er mir in der schweren Zeit beistand werde ich ihm nie vergessen. Dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar und das weiß er.

Seit ich aus der Schule raus bin, geht es mir sehr gut damit. Weil ich jetzt dazu stehe was ich bin. Und Fazit ist, dass es die Leute heutzutage sehr locker aufnehmen. Ich habe mir viel zu sehr einen Kopf darüber gemacht obwohl es nicht hätte sein müssen.

Artikel erstellt am 13.09.2011 von Henning

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