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» Ein Fehler der Natur?


Ja also wie fange ich denn am besten an? Ich bin der Christian, 19 Jahre und komme aus dem schönen Bonn. Ich bin nun schon recht lange geoutet und es ist schon gar nicht mehr so einfach für mich, mich an die „Anfänge“ zu erinnern. Ich weiß, dass es alles auch mal bei mir mit Mädchen angefangen hat.

Lang ist es her. Ich muss so 11 Jahre alt gewesen sein, als ich meine ersten Freundinnen hatte, aber schon damals sprach man über Liebe und wie diese sich wohl anfühlt und mir war schon damals klar, dass ich meine Freundinnen nicht liebte, nicht mal unbedingt mochte. Ich war mit ihnen zusammen um cool zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Mit 13 freundete ich mich damals immer mehr mit einem Klassenkameraden an und ich glaube zwischen uns entwickelte sich dass, was, man so als Phase des Ausprobierens bezeichnet.

Wir haben eben oft gegenseitig bei einander übernachtet und immer miteinander rumgespielt. Es war aber ein komisches Verhältnis. Wir haben uns gegenseitig einen runtergeholt und er hat mir auch mal einen zu meinem 14. Geburtstag geblasen, aber wir taten immer so als ob wir schlafen würden und keiner was merken würde und alles nur zufällig geschieht. Klingt komisch – war es auch! Ich weiß nicht was Freud dazu sagen würde… Naja es bleib einfach alles unausgesprochen und mit der Zeit löste sich unser Verhältnis. Die Betten/Matratzen trennten sich und im Alter von 15 hatten wir nichts mehr miteinander zu tun, nur noch ganz oberflächlich und dabei waren wir mal beste Freunde. Es tat mir auch sehr weh, dass wir nichts mehr zusammen unternommen haben, aber ich traute mich auch nicht zu sagen, dass ich nach wie vor mehr für ihn empfinde.

Mittlerweile legte sich meine Vorurteilslosigkeit und wie das so in dem Alter ist trampelte man gerne auf Klischees und Vorurteilen rum. Ich weiß noch, dass es mal einen Jungen in der Parallelklasse gab über den man gesagt hatte, dass er schwul sei und wie er aufs übelste gehänselt wurde. Das hat mir natürlich eine Menge Angst gemacht und ich stellte mir ernsthaft die Frage, ob ich auch so ein Fehler der Natur sei. Die Folge war die Verleugnung meiner eigenen Gefühle, meiner eigenen Identität.

Ich fühlte mich nicht gut damit. Ich wurde sehr depressiv und mein Umfeld bemerkte das auch. Besonders meine Mutter. Sie schickte mich sogar zum Psychologen, aber daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Geholfen hat es auf jeden Fall nicht. In den Sommerferien dann bildete ich mir irgendwie ein, dass ich mich in ein Mädchen verliebt hätte. Ich verstand mich auch wirklich gut mit ihr und wir küssten uns und schliefen auch miteinander, aber es fühlte sich nicht erfüllend an für mich. Das war mein erstes richtiges Mal und es war ernüchternd. Ich war deprimierd und verzweifelt. War es schlecht, weil ich doch schwul bin? Ich wollte es nicht wahr haben und schlief in denselben Ferien mit einem anderen Mädchen, aber das war alles mehr gezwungen und wirklich nur auf das Eine fixiert. Aber das alles brachte mir nach einigen schlaflosen und tränenreichen Nächten die Erkenntnis, dass ich nun mal anders sein muss. Das war sozusagen der Wendepunkt für mich. Mein inneres Outing. Ich wusste nun, dass ich anders bin und ließ auch von dem Gedanken ab, dass ich ein Fehler der Natur bin. Ich akzeptierte mich. Das fing ab diesem eben genannten Wendepunkt an, aber ging natürlich nicht von jetzt auf gleich. Es dauerte seine Zeit bis ich mich so akzeptiert hatte, dass ich mich als gleichwertig zu den „anderen“ fühlte.

Unter anderem half mir meine Mutter auch sehr dabei. Ich habe mich zwar erst sehr, sehr spät bei meiner Mutter geoutet, aber sie hat es wohl schon sehr früh geahnt und hat mir immer gesagt, dass schwul sein was ganz normales sei und es egal sei ob ich Männlein oder Weiblein mit nach Hause bringe. Das hat mir schon sehr geholfen und ich kam auch immer mehr wieder mit meinem Leben klar. Ich verliebte mich dann auch bald wieder in einen sehr süßen Jungen aus meiner Fußballmannschaft. Ja ich bin schwul und spiele Fußball, sogar heute noch aktiv im Verein.
Naja, ich verliebte mich wirklich arg in diesen Jungen und ihr könnt euch ja vorstellen wie das für mich mit meinen 15/16 Jahren wohl gewesen ist, die Flamme immer in der Umkleide zu sehen ;)
Dieser Junge war dann auch indirekt der Grund für mein Outing bei meinen Freunden.

Es war ein netter Grillabend mit vielen Freunden und viel zu viel Alkohol. Später schliefen wir dann alle und irgendwann weckte man mich und fragte mich wer denn DIESER PHILIPP sei. Ich guckte etwas verdutzt und ahnungslos bis man mich aufgeklärte, dass ich im Schlaf seinen Namen stammelte. Ich hab dann auch gar nicht mehr probiert mich herauszureden und hab dann meinen besten Freunden, die das mitbekommen haben, gesagt, dass ich nicht auf Frauen, sondern auf Jungs stehe.

Man lächelte mich nur an und ich bekam Sätze zu hören, wie „das haben wir doch schon lange vermutet“ und so weiter. Man hat mich viel gefragt, wie ich mich fühle, hat sich zu mir gesetzt und sich sehr für mich interessiert. Das hätte ich nie erwartet. Ich hab die schlimmsten Hänseleien erwartet, aber nicht das. Besser kann es einen jungen Schwulen wohl nicht treffen.

Ich wollte zwar, dass sie es für sich behalten sollen, aber es verbreitete sich trotzdem sehr sehr schnell unter meinen Freunden. Was aber auch zu einem großen Teil meine eigene Schuld war, da ich zu viel trank und wie heißt es so schön: in vinum veritas. Und lange war es auch kein Geheimnis mehr in der Stufe. Noch heute wissen es nicht Alle und es kommen immer noch ein paar hinzu die, es erfahren und die ich  schon lange kenne. Die meisten sind überrascht, anderen haben es schon immer gewusst und nur die wenigsten stört es. Sicherlich gab es auch die, die das eklig fanden, von denen man blöde Sprüche hörte. Das nagte schon sehr an mir und es gab auch eine Zeit in der meine engsten Freunde auch nichts besseres zu tun hatten, als Witze über Schwule zu reißen. Diese waren zwar nie böse und angreifend mir gegenüber gemeint, aber einfach nur dumm und kamen verletzend bei mir an. Lustig sein wollen auf die Kosten anderer. Das hat sehr an mir genagt und mich sehr traurig gemacht. Ich kam damit nicht sehr gut klar und irgendwann hatte es mir gereicht. Ein Freund machte wieder 'ne dumme Bemerkung und ich hab ihm dann im Affekt eine geknallt. Dann kam natürlich alles zur Aussprache. Ich entschuldigte mich bei ihm und er sich bei mir, auch wenn das so seine Zeit gedauert hat und seit dem höre ich auch keine blöden Sprüche mehr. Sicher hin und wieder mal den ein oder anderen Witz, aber die sind dann auch gut und nicht angreifend. Ich denke ein gewisses Maß ist in Ordnung und man sollte sich auch nicht zu schnell angegriffen fühlen.

Ja so lebte ich dann in den Tag hinein und outete mich bei immer mehr Leuten. Ich hab es keinem auf die Nase gebunden, aber wenn mich wer darauf ansprach und dabei nicht irgendwie abwertend oder mir sonst irgendwie komisch rüber kam, dann habe ich es auch zugegeben.

Ja irgendwann hatte ich dann auch meinen ersten richtigen Freund. Ich war bis über beide Ohren verliebt. Richtig blind vor Liebe. Er war 2 Jahre älter als ich und viel erfahrener. Noch heute erinnere ich mich wie schön es war so übermäßig blind vor Liebe gewesen zu sein. Ein tolles Gefühl. Aber mein damaliger Freund nutzte das aus, was ich nicht merkte. Er versprach mir ja auch das Blaue vom Himmel und das einzige was er wollte war - um es mal ganz hart zu sagen - einen jungfräulichen Arsch, den man mal richtig pfeffern konnte. Ja so ungefähr lief das dann auch ab. Schmerzhaft . ich kam mir wie vergewaltigt vor. Was noch viel schmerzhafter war, war dass er auch ziemlich im Anschluss dann mit mir Schluss gemacht hat. Zuerst hat er mich zappeln lassen, wollte 'ne Beziehungspause und dann einfach eine Nachricht bei MSN, das war es und dann nie wieder ein Wort. Das hat mich sehr verletzt und ich bin in ein tiefes Loch gefallen; aber das ist eine andere Geschichte und hat nichts mehr mit dem Outing zu tun.

Nun ja ich bin ein „Stehaufmännchen“ und zu meinem vollständigen Outing fehlte eigentlich nur noch, dass ich es meiner Mutter erzählte. Bei ihr wollte ich es dann auch auf eine ganz spezielle Art und Weise machen. Ich hatte wieder einen Freund und er schlief bei mir und dann bot sich überraschend für mich der perfekte Moment.

Ich war vor ihm aufgestanden und er schlief noch, nackt wohlgemerkt. Ich kam vom Klo wieder und sah dann meine Mutter im Türrahmen meines Zimmers stehen. Sie betrachtete meinen Freund und ich ging zu ihr hin und sagte: „einen leckeren Freund habe ich da, oder?“ und Sie: „Ja, aber Hallo. Wäre ich 20 Jahre jünger würde ich ihn dir ausspannen“.

Jaja das ist meine Mutter, ohne jegliches Schamgefühl und Tabus gibt es auch keine. Eine sehr offene und tolerante Person. Deshalb habe ich es mich auch getraut da so heranzugehen. Ich wusste einfach, dass sie damit kein Problem hat und wir haben danach noch sehr lange und nett darüber geredet und sie hat sogar mal gesagt, dass sie eh schon immer einen schwulen Sohn wollte, da schwule ja viel gefühlvoller seien etc.

Das war so mit 17 Jahren und mittlerweile weiß es auch eigentlich jeder. Meine 14 jährige Schwester auch. Ich habe es ihr zwar nie gesagt, aber erfahren hat sie es trotzdem irgendwie. Was weiß ich wie. Ich habe es ja auch nie wirklich verheimlicht. Sie kommt damit aber auch super klar und ich habe das Gefühl, dass wir uns seitdem auch besser verstehen.

Mein Stiefvater und mein Vater wissen es bis heute nicht. Was auch gut so ist. Zu meinem Vater habe ich gar keinen Kontakt mehr und bei meinem Stiefvater weiß ich genau, dass er damit nicht zurechtkommen würde, naja zum Glück leben wir nicht mehr bei ihm.

Wie beende ich nun meinen kleinen Bericht?

Nun ja. Wie geht es mir heute damit schwul zu sein. Ich denke, mir geht es nicht anders, als jeden anderen Heterosexuellen. Mal bin ich glücklich vor Liebe, mal habe ich Liebeskummer und mal hab ich auch nur Lust zu feiern und wen abzuschleppen.



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Artikel erstellt am 10.04.2008 von Benedikt


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