» Florian ist ein schwuler Sanitäter
Von einem Schwulen lasse ich mich nicht anfassen!
Es gibt Momente wo man sich denkt, jetzt muss einfach alles raus. Jeder den man kennt ahnt etwas und man steht gewaltig unter Druck nur um die drei Wörter zu sagen, die einem das ganze Leben verändern.
Ich meine die drei Wörter, die ein Leben verändern können: "Ich bin schwul."
Wo war der Schlüsselpunkt wo ich
merkte, dass ich schwul bin? Naja alles begann in der 7. Klasse – denk' ich. Wir waren auf einem Schulausflug mit einer anderen Klasse. Ich verstand mich mit einem Jungen aus der Parallelklasse recht gut und wir haben auch sehr viel gemeinsam unternommen, wie auch an diesem Tag. Er und ich seilten uns von den anderen ab und gingen unseren eigenen Weg. Als wir später dann auf einer Bank saßen, fragte er mich, ob ich mich schon mal selbst befriedigt habe. Ich schaute ihn an und sagte: "Ja klar, du wohl nicht?" Er sagte auch ja und ob ich jetzt nicht Lust dazu hätte. Naja und wie sollte es auch anders sein, wir taten das dann auch und ich fand es auch richtig interessant ihm dabei zuzusehen. Da merkte ich, dass ich mich eben mehr für Jungs und weniger für Mädchen interessiere.
Mann, war das vielleicht ein Gefühlschaos. Ich wollte es keinem sagen beziehungsweise konnte es zu dieser Zeit nicht machen weil ich einfach zu große Angst davor hatte. Also verheimlichte ich alles, denn meine Klassenkameraden waren da schon echt knallhart auf Mobbing. Also zog ich dieses Geheimnis mit mir herum. Es war richtig schwer mir nichts anmerken zu lassen, besonders weil ich dann mit 16 Jahren einer der größten Hilfsorganisationen beigetreten bin.
Ab da war es dann besonderes schwer für mich. Wie würden die Leute regieren wenn auf einmal ein schwuler Sanitäter vor ihnen steht oder gar versorgt oder der Satz kommt: "Von einem Schwulen lass' ich mich nicht anfassen!" Naja ich habe mir da wirklich große Gedanken gemacht, ein schwuler Sanitäter beim Rotem Kreuz, das geht ja gar nicht. Gut, hab da vielleicht ein wenig übertrieben aber für mich war das echt teilweise die Hölle auf Erden.
Nach einiger Zeit war ich dann auch in einer Führungsposition wo wir immer einmal im Monat eine kleine Sitzung abhielten. Wie wir dann so zusammen gesessen waren und fertig mit der Besprechung waren fragte mich mein bis heute bester Freund: "Du sag mal, jetzt muss ich dich mal was fragen: Du bist schwul, oder?" Mein Gott, ich war so geschockt und mir schossen 1000 Gedanken durch den Kopf. Woher weiß er das oder wie kommt er jetzt da drauf oder was soll ich sagen? Ich entschloss mich dann dazu, einfach zu sagen, "Ja ich bin schwul und habt ihr jetzt ein Problem damit?" Von den Reaktionen war ich sehr sehr überrascht. Mein bester Freund sagte einfach nur dass er stolz auf mich sei, dass ich es wirklich gesagt habe und mir den Mut genommen habe. Die anderen schauten zwar erst etwas erstaunt, dann aber gab es Beifall. Ich war sehr verblüfft und erleichtert, dass es endlich raus war. Es war echt ein Riesenschritt das zu tun.
Bei den anderen und im Freundeskreis war es dann auch kein Problem mehr. Auch meine Eltern haben es supercool aufgenommen. Im Nachhinein fragte ich meinen Freund wie er darauf gekommen ist. Er sagte nur, "Ein guter Freund erkennt, wenn seinen besten Freund etwas bedrückt." Da wir uns nun auch solange schon kennen und er so ziemlich alles über mich wusste konnte es einfach nur die eine Sache sein. Ich bin ihm immer noch sehr dankbar, dass er mir damals diese eine Frage gestellt hat.
So nun lebe ich geoutet und frei
keine Geheimnisse mehr zu haben die mich sehr belastet haben. Mach‘ mir auch keine Gedanken mehr wie die anderen darauf reagieren und die Geschichte mit dem schwulen Sanitäter. Es hat sich auch nichts weiter geändert. Mein bester Freund ist immer noch mein bester Freund, alle die mit mir vor meinem Outing zu tun hatten, haben sich nicht von mir abgewandt. Wie gesagt, es ist alles so wie vor meinem Outing nur dass ich mich nicht mehr verstellen muss und mein Leben so leben kann wie es ist.
Nun lebe ich auch sehr glücklich mit meinem Freund zusammen, den ich aber leider nicht so oft sehe, da er etwas weiter weg wohnt - wir haben uns aber daran gewöhnt und kommen ganz gut damit klar. Wir wollen jetzt auch zusammen in eine eigene Wohnung ziehen. Auch meine Freunde haben kein Problem mehr damit. Wenn wir mal unterwegs sind und wir uns küssen. Sie haben zwar gesagt, dass sie sich am Anfang noch daran gewöhnen müssen, sie es aber schon irgendwie hin bekommen. Sie sind sogar richtig stolz auf uns, dass wir aus unserer Liebe kein Geheimnis machen und sie uns so nehmen, wie wir eben sind. Sie sagen auch, dass es ihnen egal ist ob ich nun einen Mann oder eine Frau liebe. Ich bleibe immer der gleiche egal wen ich liebe.
Ja das war jetzt meine Coming-out-Geschichte. Hoffe das sie für die meisten interessant ist und ich auch einigen den Mut gemacht habe sich auch zu outen und sich nicht zu verstellen. Jeder ist so wie er ist und das ist auch gut so. Der erste Schritt ist zwar schwer und es gehört auch ein großes Maß an Selbstüberwindung dazu aber wenn es mal raus ist, ist es auch weiter keine große Sache mehr.
Florian findest Du bei GayUnion.de unter dem Usernamen flo_bt


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