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» Lisa, 21, ist lesbisch

Ich war schon immer anders


Ich war schon immer anders als alle anderen. Aber irgendwie wusste ich das auch schon seit ich denken kann. Ich habe es regelrecht im Unterbewusstsein gespürt. Und für mich war es normal. Im Kindergarten war ich die Einzige, die sich nicht auf das Klettergerüst getraut hat, doch ich war auch die Einzige, die sich schützend vor ihre Spielkameradin gestellt hat, wenn der Rüpel aus der Gruppe mal wieder Ärger wollte.

In der Grundschule war ich die Einzige, die sich mit den Jungs angefreundet hat. Mit ihnen Fußballsticker in der Pause tauschte, im Sport lieber mit ihnen Fußball spielte, anstatt mit den Mädels Völkerball. Die anderen haben das nur belächelt, was ich nicht verstand. Und sicher war ich auch die Einzige, die schon in der Grundschule nur Augen für eine ihrer Mitschülerinnen hatte. Niemand sonst hätte wohl solche Hüpfer gemacht, wenn sie sich einfach so das Lineal schnappt und „Herz an Herz“ draufschreibt. Und niemand hätte ihr einfach so danach einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem ihr Name stand mit einem unglücklich gekrakelten Herz drum herum. Irgendwie gehörte ich ja eher zu den Jungs, war auch viel mehr ein kleiner Junge, als ein Mädchen und Jungs verliebten sich doch in Mädchen. So habe ich mir anfangs meine Gefühle erklärt. Es hat mich nicht gestört, dass es auch ein Mädchen war. Ich wusste damals schon irgendwie, dass es „so was“ auch gibt, nur kannte ich den Namen dafür nicht. Also meinte ich eines Tages zu meinem damals besten Freund „Ich bin schwul!“ *lach* Dass er es später nicht mehr aufgegriffen hat war mir nur recht. In der Mittelschule, als wir alle in die Pubertät kamen, war ich auch richtig froh darüber. Wie gesagt, ich wusste immer, dass ich anders als die Anderen war, doch mir selbst hat das nie Probleme bereitet. Aber vielleicht den Menschen um mich herum? Stillschweigend verbrachte ich einige Jahre mit meinem Geheimnis. Habe immer ganz heimlich aufgeschaut, wenn im Fernsehn Männer mit Männern knutschten oder eine Frau einer anderen tiefer in die Augen schaute als sonst. Ich fand es schön.

Die Wendung geschah im Jahre 2003. Ich war gerade in der achten Klasse und unheimlich verliebt in eine Russin aus der Parallelklasse. Auf einem der Musiksender, die ich als Teeny regelmäßig schaute, lief ein Video, dessen Musik mich total faszinierte – jedoch war ich vom Video dazu noch viel mehr gefesselt! Da küssten sich zwei Mädchen leidenschaftlich im Regen, hielten Händchen, besangen ihre Liebe. Wow. Klar wurde ich Fan der Gruppe t.A.T.u., habe alles über sie gesammelt, immerhin waren sie auch aus Russland, wie mein damaliger Schwarm, eine der beiden Sängerinnen hieß sogar genauso. Kurzum, ich wollte genauso sein! Also beschloss ich mit vorsichtigen Andeutungen deutlich zu machen, was ich empfand. Die Reaktionen waren ziemlich durchwachsen. Meine Familie meinte nur kopfschüttelnd, dass ich mich durch die Band beeinflussen lasse, dass alles nur eine Phase sei, ein Spleen, der bald vorüber ist. Meine Freunde aus der Klasse machten nur große Augen, sie hätten das nie von mir gedacht, wunderten sich über meine Begeisterung für die Russin, da sie doch gar nicht so hübsch wäre. Zumindest in der Schule konnte ich nun richtig aufblühen, offen mal schwärmen oder das Mädchen raushängen lassen, dass unglücklich in eine der ihren verliebt war. Ganz so wie meine beiden neuen Idole.

Im Internet begann ich zu recherchieren. Auf der ein oder anderen Nickpage meldete ich mich an, eher just for fun um die neugewonnene Persönlichkeit in mir irgendwie darstellen zu können. Den kleinen Suchtfaktor im Netz teilte ich irgendwann mit meiner Cousine, deren Eltern dann mitbekamen, dass sie mich imitierte und aus Angst, ich könne sie auf die schiefe Bahn bringen, ja sogar „umpolen“, wurden die Anmeldungen alle gelöscht und ich vor der ganzen Familie zur Rede gestellt. Zwangsgeoutet. Es fühlte sich nicht gut an, alle Augen auf mich gerichtet, das enttäuschte Gesicht meiner Mutter, meine stillschweigende Tante, der konservative Onkel, dem es fast gelang mir einzureden, ich sei „besessen“ und müsse mich doch jetzt noch nicht entscheiden. Nach diesem Tag verfiel ich wieder in eisernes Schweigen. Das, was in mir vorging, war grausam. Ich fühlte mich leer, da nun alles, wirklich alles draußen war. Nichts mehr da, was nur mir gehörte, alles wurde heraus gepresst. Außer das schlechte Gewissen. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen „normal“ zu sein. Das ging einfach nicht. Mein Herz sagte mir, dass ich meinen Weg gewählt hatte, dass ich mir nicht aussuchte in wen ich mich verliebe, sondern dass es von ganz alleine geschah. Und glücklich fühlte ich mich eben an der Seite von Mädchen.

Meine Begeisterung für die russische Band verschwand nicht. Im Gegenteil. Sie war so stark wie noch nie. Als ich meinen ersten Laptop bekam, tat ich das, was mir schon lange im Kopf rumgeisterte – ich meldete mich auf einem FanForum an.
Das war Anfang 2006. Mittlerweile besuchte ich ein Gymnasium auf dem ich mein Abi machen wollte. Ich war fest entschlossen diesen Neuanfang gut zu nutzen. Niemand sollte etwas Näheres über mich erfahren, zumindest was meine Gefühle anging. Ich wollte einfach das erreichen, was ich mir auf der Mittelschule irgendwie verbaut hatte, nämlich einen guten Freundeskreis und eine angenehme Lernatmosphäre. Wer schließlich das Abi macht, der ist so reif, um zu wissen, was er will. Dachte ich. Nachdem ich am Ende der Mittelschule viele Freunde verlor, größtenteils durch Mobbing, Gerüchte und Vorurteile (quasi ein sehr langer, schmerzlicher Kleinkrieg), ging ich in der neuen Schule vorsichtig den anderen entgegen. Es kam, was kommen musste, ich verliebte mich wieder. Meine Mitschülerin war DIE Frau für mich. Lächelte sie mich an, war es ein schöner Tag. Hatte sie schlechte Laune, versank auch ich in Schwarzmalerei. Über meine Gefühle konnte ich mich im Forum gut austauschen, denn dort ging es nicht nur um t.A.T.u., sondern auch um allgemeine Dinge wie Gefühle, Politik, Philosophie usw. Mit einer der dort angemeldeten Userinnen entwickelte sich ein regelmäßiger Kontakt. Wir schrieben jeden Tag, in den Ferien sogar bis nachts. Es wurde schon zur täglichen Gewohnheit nach der Schule am PC einander zu treffen und über dieses und jenes zu schreiben. Nach anderthalb Jahren kamen wir zusammen. Eher völlig unerwartet und eigentlich nur so zum Spaß. Doch nach geraumer Zeit und dem ersten Telefonat bemerkten wir plötzlich, dass die drei magischen Worte doch mehr für uns waren als nur ein Spaß.

Ich konnte meine Mutter davon überzeugen, dass meine Freundin mich besuchte. Und ich schaffte es sogar, dass sie Silvester bei mir schlafen durfte. So ganz angetan war meine Mutter nicht damit, denn meine Freundin schien ihr nicht so sympathisch, geschweige denn ideal, da sie rund 500 km von mir entfernt wohnte. Ich habe von ihr immer als „meine Freundin“ gesprochen. Egal, welchen Eindruck das machte. Bis meine Oma vor meiner Mutter zu mir sagte „Da kommt also dein Schatz zu Besuch.“ Und seitdem war wohl allen alles klar. Seitdem hatte ich mit meinen Gefühlen auch keine Probleme mehr.

Nach der schmerzlichen Trennung im Januar 2009 begann ich erneut über mich nachzudenken. Ich dachte, ich könnte mich nie wieder verlieben. Aber ich kam zu dem Entschluss, dass ich einfach so bin, wie ich bin. Ich besuche nun eine medizinische Berufsfachschule und das ist wohl das Beste, was mir passieren konnte. Wenn ich nach irgendwas Persönlichem gefragt werde, dann antworte ich so, wie es ist. Und dadurch stoße ich zwar anfangs auf große Augen, doch schnell wird mir gezeigt, dass ich so angenommen werde, wie ich bin. Dass ich anders als andere bin hat meine Familie nun akzeptiert. Klar, es gibt immer noch Ausnahmen, die das müde belächeln und hoffen, mich zu „bekehren“, doch davon lasse ich mich nicht einschüchtern, da mittlerweile genug Leute hinter mir stehen. Und ich war verwundert, dass ich mich ungefähr zehn Monate nach meiner Trennung wieder neu verliebt hatte. Es war nicht immer leicht, so zu sein, wie ich bin, doch dass es sich gelohnt hat, zeigte mir die Reaktion der Freundin, bei der ich mich zuletzt geoutet habe: „Ich hab dich immer lieb, egal wie du bist!“

Artikel erstellt am 17.08.2010 von GayUnion e. V.

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