» Martin dachte über einen Freitod nach
Jeden Tag belog ich meine Mutter
Ich heiße Martin, bin 21 Jahre alt und komme aus der schönen kleinen Seestadt Großräschen. Soweit ich mich zurückerinnern kann, bin ich seit meinem 14 Lebensjahr schwul und mit dieser Erkenntnis begann für mich ein steiniger Weg.
Ich bin mir sicher, dass wenn ich damals mit 10 Jahren nicht den Menschen, der mir am Herz lag und immer wie ein Vater für mich war verloren hätte weil er von uns ging, ich nie mein Schwulsein erkannt hätte. Ich bin schon immer ein Träumer gewesen aber mein Opa machte mir immer Mut: „In unseren Träumen steckt die Hoffnung unser Zukunft.“ Er war immer der Mensch, dem ich mich als erstes anvertraut hatte. Leider ging er viel zu früh von uns und auch heute stelle ich mir oft die Frage, wie er damit umgehen würde, dass ich schwul bin.
Ich erkannte mit 14 nun also recht schnell, dass Mädchen für mich mehr Freunde waren und dass man sich auch unter Einbezug aller Aspekte keine Beziehung in irgendeiner Weise vorstellen könnte. Auch wenn Freunde oft nur spaßhaft sagen, „Du bist doch nicht normal!“, wusste ich schon längst, dass es wirklich so war. Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich mein Abitur anfing, denn ich war jetzt unter Menschen die mich besser verstanden und schließlich war ich mittlerweile 18 und wusste mehr als gut, dass ich schwul bin. Doch wie würden meine Freunde reagieren? Davor hatte ich am meisten Angst!
Doch den meisten Mut, offen zu stehen zu dem was ich bin, machte mir meine hörbehinderte Cousine. Denn sie war für mich ein großes Vorbild, was die Sache anging, wenn man anders als andere ist aber dennoch von allen so akzeptiert wird. Als ich ihr sagte, dass ich schwul wäre nahm sie mich in den Arm und sagte: „Na und? Trotzdem bist du für mich immer einer der wichtigsten Menschen!“ Ich war damals sehr froh darüber.
Doch nach diesem recht guten Start ging es sehr schnell in den Keller. Denn auch wenn sie das verstand, wie sollte ich es meiner Familie und gar meinen Freunden erzählen? Denn jetzt wo mein Leben so eine komplizierte Wendung nahm, hätte ich den Menschen gebraucht an den ich mich immer wandte und erst jetzt ging mir sein Tod so nahe, dass es fast meinen eigenen bedeutet hätte.
Jeden Tag belog ich meine Mutter nun als sie fragte, was mit mir los sei und ich nur antwortete: „Nichts. Was soll sein?“ Denn wie sollte sie das verstehen bei ihrem Jungen, der es so schon nicht immer leicht hatte. Ich fing an mir Gedanken über den Tod zu machen, verschloss mich in mir selbst und redete mit keinem mehr und ein Lächeln und Lachen war nur vorgeheuchelt. Und hätte damals mein Bruder nicht mit der Musik angefangen so wäre ich damals, als ich an der alten Tagebaukante stand und überlegte zu springen, auch wirklich gesprungen. Doch ich fand eine tolle Melodie und als ich überlegte zu springen, rief mich mein Bruder an und ich wusste in dem Moment, wenn ich über das was ich denke schreibe, dann würde mir es vielleicht alles erleichtern. Ich fing also an Rap-Texte zu schreiben über Emotionen, Gefühle und Gedanken und finde bis heute darin den Weg, das auszurücken, was ich so nie sagen könnte.
So nahm ich nun doch denn Mut
zusammen und erzähle meiner Familie, dass ich schwul sei und auch wenn’s für meine Mutter und Oma anfangs wirklich nicht leicht war damit umzugehen, so akzeptieren sie es heute mal mehr, mal weniger. Sehr erstaunt war ich jedoch über die Reaktion meines Stiefvaters, der nur sagte, „Mein Gott, dann habe ich halt einen Schwiegersohn.“. Dadurch ist er für mich zu so einer Bezugsperson geworden, wie mein Opa es damals war. Und auch alle Freunde haben es gut aufgenommen, die Mädchen haben sich sogar gefreut was unser Miteinander nur noch verstärkt hat.
Heute weiß ich nun, dass ich über meine Gedanken und Gefühle reden oder schreiben muss und auch offen meine Emotionen zeigen kann. So habe ich damals mein Outing erlebt und bereue es keinen Tag gemacht zu haben. Mir ist egal was die Leute von mir denken, denn die die mich akzeptieren sind auch die Menschen die mir wichtig sind.
Ich hoffe, dass ich durch meine Geschichte einigen die Angst nehme vor ihrem eigenen Coming-out, denn auch wenn es hart sein mag, ist es eine Befreiung für einen selbst.


Kommentare (2)
Kommentare (1)
Supii!!! Gefällt mir richtig gut!! Respekt :)
Sehr schön zu lesen und auch respekt so offen über den Todesgedanke zu schreiben. Ich wünsche dir weiterhin alles gute ;)