» Matze hieß mal Lisa
Aber dieser Mann war noch nie eine Frau
Hey, kennt ihr mich noch? Richtig. Ich bin’s, Raz. Einige von euch können sich bestimmt noch an mich erinnern, als ich den Namen Lisa trug. Aber das ist nun schon lange her. Jetzt heiße ich Moritz-Matthias und beginne mein neues Leben – als Mann.
Ihr kennt vielleicht noch meine erste Coming-out-Geschichte (Anmerkung der Redaktion: Hier zu finden).
Damals outete ich mich als lesbisch. An der Geschichte an sich hat sich im Prinzip nichts geändert. Alles was passiert ist, ist passiert. Allerdings weiß ich heute, dass ich alles aus einem anderen Blickwinkel betrachtet habe. Dem falschen Blickwinkel.
Nur eines blieb gleich: Ich war schon immer anders, als alle anderen.
Beim Spielen in Omis Garten wollte ich immer den männlichen Part übernehmen. Hosen anziehen. Ein Kleid tragen oder gar Prinzessin sein – nie im Leben!
Solange es mir möglich war, lief ich im Sommer oben ohne herum, genau wie mein Onkel, dem ich in allem nacheiferte. Und in der Schule spielte ich lieber mit den Jungs Fußball, anstatt mit den Mädchen Gymnastikübungen zu machen.
So war ich. Es fühlte sich richtig an und als Kind denkt man da auch nicht weiter drüber nach.
Richtig, geboren wurde ich als Mädchen. Und mit den voranschreitenden Jahren und dem Entdecken der eigenen Vorlieben stellte ich fest: Frauen faszinieren mich. Ich liebte sie.
Mit Jungs konnte ich einfach nichts anfangen. Als Kumpels okay. Mehr aber auch nicht. Alles, was ich bei den Jungs an Gefühlsregung hatte, beschränkte sich auf den Gedanken: „So will ich auch sein!“
Im Vordergrund stand jedoch zunächst die Liebe…oder das, was ich dafür hielt, sodass für weitere Gedanken nicht viel Raum blieb. So viel sei gesagt, ich tendierte unbewusst immer noch zum eher männlichen Teint. Was zwischenzeitlich geschah, lässt sich in meiner ersten Coming-out-Geschichte nachlesen.
Dass irgendwas mit mir nicht stimmte, bemerkte ich, als ich in meiner zweiten Beziehung lebte.
Ich liebte meine Freundin. Alles lief bestens. Und trotzdem fehlte mir immer mehr etwas.
Ich wollte mehr für sie sein. Nicht nur die Partnerin. Nein. Ich wollte etwas ganz Bestimmtes sein. Nur was? Das verriet mir mein Inneres lange nicht.
Doch ähnlich einem urzeitlichen Instinkt konnte sich die Wahrheit nicht vor mir verborgen halten.
Ich kam mit mir als Frau nicht klar.
Enge Sachen tragen, ein weiter Ausschnitt, große Brüste an mir…das fühlte sich so ekelhaft an. Selbst mein Name, weibliche Pronomen… All das war mir zuwider.
Dachte ich jedoch daran, ein Mann zu sein… dann war alles anders. Dann lief mein Leben perfekt, ich war selbstbewusst, traute mich offener zu sein, lebenslustiger. Es lässt sich eigentlich mit Worten kaum erklären. Man muss es fühlen. Allein schon die Vorstellung meinen Körper los zu sein, war mehr als befreiend. Zum Teil wurde das manchmal der einzige Grund, warum ich nicht aufgab.
Ich wollte im Freibad oben ohne in der Sonne liegen. Ich wollte mit einer Frau schlafen und ihr dabei die Hände über dem Kopf festhalten. Ich wollte Papa sein.
Was für mich immer mehr zur Normalität wurde, gestaltete sich in Gegenwart meiner Umwelt als schwierig. Das ist die Phase, in der ich jetzt bin.
Mein Körper ist (leider) immer noch weiblich, allerdings schreitet meine Therapie voran und ich habe bereits einen Ergänzungsausweis. Demnächst, wenn alles gut läuft, wird auch die Hormontherapie starten.
Seltsamerweise hat mein
Freundeskreis kein Problem damit. Alle tolerieren mich, weshalb ich dort auch kein Problem mit dem Outing hatte. Klar war es zunächst seltsam für mich, aber für meine Freunde bin ich „Matze“ und dieser Rückhalt ist etwas, was mir sehr viel bedeutet.
Das einzige Problem ist mein restliches Leben. Die Familie, meine berufliche Zukunft… Erste Ansätze in diesen Bereichen Klarheit zu schaffen, schlugen fehl. Bis heute bin ich dort auch noch keinen Schritt weiter. Auch jetzt zur Weihnachtszeit möchte ich nicht unbedingt mit anderen in Konflikt geraten.
2012 soll aber alles ändern! Dann möchte ich richtig durchstarten. Ich möchte endlich der Mann sein, der ich bin, eine Frau finden, arbeiten, eine eigene Wohnung führen und vor allem… endlich Leben!
Also muss noch mehr als genug passieren, sodass ihr euch auf eine 3. Geschichte freuen könnt!
Matze findest Du bei GayUnion.de unter dem Usernamen Raz


Kommentare (8)
Kommentare (6)
Kopf hoch Matze, das wird schon mach weiter so unsere volle Unterstützung hast du ganz gewiss.Hut ab für deinen Großen Schritt und wünsche Dir den Großen Durchbruch im neuen Jahr 2012 Viele liebe Grüße aus Hessen sende ich Dir Raymond
Alles Gute für deinen weiteren Weg zu deinem wahren Selbst :)
Starkes Bericht, Hut ab Matze (:
Woow! Echt eine ganz schön starke Geschichte. Von meiner Seite auch größsten Respekt!
Ich kann nur ahnen, dass erst das Coming-Out und dann das eigene Finden zum anderen Geschlecht sicherlich steinige Wege waren und vor allem noch immer sind! Ich drück dir auch die Daumen, wünsche dir viel Kraft, Rückhalt und Geduld! Aber zu guter letzt wünsch ich natürlich auch noch Glück in der Liebe :-)
Vielen lieben Dank für eure Worte!
Hey, Matze. Wirklich ein toller Bericht. Super, dass du den Schritt gegangen bist. Und sicherlich wird das Jahr 2012 für dich ein ganz Tolles. Außerdem wirst du etwas beruflich finden, wo du dich wohl fühlst. Im übrigen geht es ja auch nicht jeden, was du fühlst, besonders auf der Arbeit. Du wirst dich schon durchbeissen. ;)
LG Manuel
Du Armer. Ich hatte ja schon große Schwierigkeiten mit meiner Homosexualität klar zu kommen, aber du musstest sowas ja gleich zweimal durchmachen. Du bist echt stark, ich bringe dir viel Respekt entgegen! :) Ich wünsche dir noch viel Erfolg in deinem rechtlichen Leben und deiner Laufbahn, dass dich jeder so nimmt, wie du bist :)
Wirklich schön geschrieben :-) Am Dienstag tue ich alles, was ich kann, damit du zur HRT kommst :-) das Saralein^^