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» Philipp outete sich während einer Autofahrt

Auf einmal trat meine Mutter auf die Bremse


Obwohl ich eigentlich ziemlich liberal und offen erzogen worden bin und meine Eltern schon öfters mal gesagt haben in Gesprächen, dass sie nix gegen Homosexualität hätten, habe ich mich trotzdem nicht getraut mich zu outen.

Aber es ist alles anders gekommen. Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, es war der 22. Juli 2008, als ich mich bei meinen Eltern geoutet habe. Dies hat mich viel Überwindung gekostet! Als ich es sagte, ging es mir besser. Viel besser.

Ich fang' einfach mal an.

Es hat angefangen… beziehungsweise als mir klar geworden ist… dass ich auf Jungs stehe war für mich am Anfang ein kleiner Weltuntergang. Naja die Gefühle haben verrückt gespielt, kennt Ihr ja mit Sicherheit. ;-) Ich war ungefähr 11 Jahre als alles angefangen hat. Ich hab' damals Fußball gespielt, eigentlich auch sehr gut. (Ok, ich hör' auf zu prahlen.) Da war ein Junge (dessen Namen ich nicht nenne) mit dem war ich richtig gut befreundet. Und wie das halt so ist als 11-jähriger, man übernachtet bei einem Kumpel/Freund und macht Dinge, die einem erstmal nicht so bewusst erscheinen. Joa, dann als wir im Bett lagen ist es halt passiert, wir haben an uns herumgespielt. Aber es nicht zum Akt gekommen! Also wir haben lediglich, naja eigentlich kann sich das ja jeder denken, was da so passiert ist. Ich meine, wir waren alle mal in der Ausprobierphase. ;-) Ja, und dann geriet das alles so in Vergessenheit mit diesem Jungen, weil ich mit meiner Familie in einen anderen Ort gezogen bin und musste mich auch aus dem Fußballverein abmelden. Habe mich im neuen Ort wieder angemeldet und hab' dort weiter gespielt.

Dann vergingen die Jahre, bis ich 14 Jahre alt war, wie im Fluge. Also das sogenannte Gefühlschaos - bei Ärzten und Eltern Pubertät genannt. Und ich fing extrem an auf Jungs zu gucken, sei es nur einen Blick auf einen "Knackarsch" oder einfach nur angesehen weil mir ihre Gesichter gefielen. Natürlich hab ich das für mich behalten, weil ich mich nicht outen wollte und es auch irgendwie nicht wahrhaben wollte, dass ich schwul sein könnte. Ja, ich hielt es geheim. Es durfte keiner wissen. Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich hab' dann mit 15 angefangen mich in Gay-Chatrooms herumzutreiben um zu sehen ob ich alleine bin mit meinen Problemen. War ich natürlich nicht. Worüber ich auch sehr froh war. Ich hatte viele Internet-Freunde und hab' mir viele Coming-out-Geschichten durchgelesen, unter anderem bin ich auf GayHelp.de (Anmerkung der Redaktion: Vorgängerseite von GayUnion.de) gestoßen, aber habe mich letzten Endes nie getraut diesen Schritt zu gehen.

Das Jahr verging im Flug und schwups... war ich 16. Und da wurde mir klar, es kann nicht nur sein sondern es ist auch so, dass ich auf Jungs stehe. Dann kam die Abschlussfahrt in der 10. Klasse. Dort hab' ich das erste Mal mit einem Mädchen Geschlechtsverkehr gehabt, weil ich ja auch wissen wollte ob das mit Frauen was Tolles ist oder nicht. Es redeten ja alle davon wie toll das sei und bla und sülz. Aber mir wurde es in den ersten Sekunden schon klar und hab' innerlich zu mir gesagt, „Nee Jung‘ dat is‘ nix für dich.“ Ich hab' auch ziemlich schnell abgebrochen und gesagt, "Nee, sorry ich kann nicht." Und bin gegangen. Mit diesem Mädchen hab' ich heute keinen Kontakt mehr.

Ungefähr 4 Monate später, als ich 17 geworden bin, hab' ich jemanden auf einer anderen Seite kennengelernt. Es war schon fast Sommer und weil so ein schöner Tag war haben wir uns getroffen. Und wir sind in Köln herumgegangen - besser gesagt sind wir durch die Kölner Innen- und Altstadt spaziert. Wir haben uns viel über's Outing unterhalten und letzten Endes verdanke ich diesem Jungen mein Outing. Einige Zeit später outete ich mich bei meiner besten Freundin, die es natürlich total toll fand. ^^

Die Zeit verging. Es war der 22. Juli 2008, ein sehr schöner Sommertag mit über 30°C. Ich hab' mich mit diesem besagten Jungen wieder getroffen. Wir haben natürlich zwischen dieser Zeit, also zwischen Frühjahr und Sommer, viel im Mail-Kontakt gestanden. Wir haben uns wieder richtig gut unterhalten und viel gelacht. Als ich nach Hause gefahren bin war es ungefähr 20 Uhr. Ich musste mit der Straßenbahn nach Hause fahren und da kein Bus mehr fuhr, hab' ich an der Endhaltestelle meine Mutter angerufen ob sie mich nicht abholen könnte. Und dies tat sie auch. Ich stieg ein und meine Mutter fuhr los. Ungefähr auf halber Strecke sagte ich: “Mama, ich muss dir was sagen, ich kann das nicht länger geheim halten.“ Darauf meine Mutter: "Ja was denn??" "Ich bin schwul", sagte ich…

Auf einmal trat meine Mutter, mitten auf einer gut befahrenen Landstraße, auf die Bremse und sagte, "WAS…!!!!???" "Ja Mama, ich bin schwul.", sagte ich erneut. Die Fahrt nach Hause haben wir kein Wort mehr gewechselt. Und mir wurde heiß, kalt und wieder heiß. Meine Körpertemperatur spielte verrückt. Auf der restlichen Fahrt sagte sie nur, "Nee nee. Ich versteh' es nicht. Ich kann es nicht begreifen. Ich versteh' es nicht." Zuhause angekommen, bin ich ins Wohnzimmer gegangen, wo mein Vater am Laptop war. Ich hab' mich auf den Sessel links neben ihm gesetzt, er saß auf der Couch, rechts von mir. Ich hab nix gesagt. Nichts. Noch nicht einmal ein "Hallo Papa." Nix, gar nix.

Mein Vater schaute mich grimmig an, meine Mutter betrat das Wohnzimmer und setzte sich auf die 2er Couch mir gegenüber. Und sagte immer noch, „Ich begreif' es nicht. Ich kann es nicht verstehen. Mein Vater wurde nervös und fragte, was denn los sei und dies mit energischer Stimme. "Ist was passiert?", schrie er. "Nein", sagte ich, "es ist nix passiert. Ich bin schwul…"

Totenstille. Diese Stille kam mir wie 100 Jahre vor. "Was hast du gesagt?", fragte mein Vater. Ich darauf, "Ich bin schwul." "Echt jetzt?", antwortete er. Ich bejahte. "Echt jetzt?", fragte er wieder und darauf wieder ich, "Ja Papa, ich bin schwul." Und die Frage stellte er mehrmals und ich bejahte jedes Mal. Nach immer derselben Frage sagte mein Vater nach einiger Zeit, "Na und??" Und diesen Spruch werde ich nie vergessen: "Dann ist es halt kein Pfläumchen sondern ein Hintern." Und ich war so baff, dass er es so gut aufnahm. Ich hab' fest damit gerechnet, dass mein Vater schwerer damit zu kämpfen hat als meine Mutter - aber es war genau umgedreht. Meine Mutter fragte mich dann "Warum??". Und mein Vater wies sie regelrecht zu Recht. Er sagte meiner Mutter, "Minsch loss doch d'r Jung enrau der wiess wat er will. Und außerdem muss d'r doch domit klar kumme und nit ej duh..." (Wir sind halt eine urkölsche Familie und deshalb fand ich, dass ich es einfach so schreiben musste. ^^). Ich war wirklich so überrascht, dass er es so gut aufnahm. Und wir unterhielten uns noch ca. 2 Stunden über Homosexualität und… naja dieses typische Gespräch nach dem Outing und vor allem diese Fragen. Hast du einen Freund? Seit wann weißt du es? Halt die üblichen Fragen. Insgesamt ein sehr ruhiges Outing.

Nach ca. 4 Monaten ist meine Mutter auch damit klar gekommen. Sie hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, was ich sehr gut fand. Es ging mir ein großer Stein vom Herzen als es raus war. Ich fühlte mich so befreit. Diese Last, die sich in all den Jahren angestaut hatte, war auf einmal weg. Diese Geheimnistuerei… in all den Monaten baut sich so viel Last in einem auf und wenn man es dann gesagt hat, ist es richtig befreiend. Ich fühlte mich nach meinem Outing richtig gut, aber dann war da noch der Rest der Familie, mein Bruder...

Als ich es ihm sagte, war er alles am packen weil er Angeln gehen wollte. Im Prinzip ein schlechter Moment für ein Outing, aber ich hielt die Landstraße ja auch für einen perfekten Ort. ;-) Ich ging zu ihm hin und sagte, "Du? Ich muss dir was sagen..." Er dann darauf, "Ja? Wat is dann..?" "Ich bin schwul." Er hat es mit Leichtigkeit aufgenommen. Und sagte, "Ich bin stolz auf dich, mein kleiner Bruder, so was von Stolz, dass du dazu stehst." Er nahm mich in den Arm und hat sogar geweint. (Was er im Nachhinein nicht zugeben wollte - aber es ist mir egal. Ich war dabei. ^^) Es war so rührend für mich und auch für ihn. Seit diesem Tag verstehen wir uns noch besser als vorher. Ich meine, unser Verhältnis zueinander war noch nie schlecht, aber mit meinem Outing sind wir noch mehr zusammengewachsen…
Joa und meinem Hund war es sowieso ziemlich gleichgültig, denn Tiere lieben einen immer, egal was man ist! ;-)

Ich hoffe, ich kann beziehungsweise konnte Dir/Euch mit meiner Coming-out-Story helfen.
Und ich sag' es jetzt allen, die sich noch nicht geoutet haben, eure Eltern beziehungsweise eure Freund und Co. müssen genauso damit klarkommen wie Ihr am Anfang auch. Denn man setzt sich selber damit eine sehr lange Zeit auseinander und deshalb ist es nur fair, den Menschen die man liebt auch Zeit zugeben damit klarzukommen. Eine erste abweisende Reaktion von jemandem muss nicht heißen, dass Ihr diese Person verloren habt. Meine Mutter brauchte auch etwas Zeit damit klarzukommen und mittlerweile komme ich mit meiner Mutter sogar besser klar als vorher.

Philipp findest Du bei GayUnion.de unter dem Usernamen concept_for_you

Artikel erstellt am 13.12.2011 von Henning

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