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Startseite » Leben » Coming-Out-Stories » Torsten fand im Glauben zu sich selbst

» Torsten fand im Glauben zu sich selbst

Eine Zeit lebte er im Kloster


Mein Name ist Torsten und mein Coming-out ist etwas ungewöhnlich, hat sich über viele Jahre hingezogen und wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, stecke ich immer noch darin.

Ich weiß nicht, wie alt ich war als ich es zum ersten Mal merkte - es spielt auch eigentlich keine Rolle. Im Nachhinein kann man sowieso immer alles besser interpretieren und verstehen, als es damals zur anfänglichen Zeit der Fall war. Denn eigentlich hat doch niemand diesen, heute als „erste Anzeichen“ deklarierten Wahrnehmungen, eine ernsthafte Bedeutung beigemessen. Es gab halt einfach kein Mädchen, dass ich irgendwie anziehend fand und das es einen Jungen in der Klasse gab, den ich zufällig ganz attraktiv fand, war eben nur ein Zufall – wahrscheinlich einfach Eifersucht weil er besser aussah. Ehrlich gesagt, wusste ich damals nicht einmal was „schwul“ bedeutet. Tja, die Schuljahre vergingen und langsam wuchs in mir immer mehr der Verdacht, aber zeitgleich versuchte ich genau diesen zu verdrängen. Auch dies wieder, die vermutlich gewöhnlichste Reaktion eines homosexuellen heranwachsenden Jungen.

Dumm gelaufen, die Verdrängung funktioniert nicht ewig und irgendwann fangen auch die Anderen an gewisse Dinge festzustellen. Warum hast du denn noch keine Freundin? Bist du schwul oder was? Nein, ich bin doch nicht schwul! Ich will nicht schwul sein, ich kann nicht schwul sein. Warum? Warum? Die große Krise beginnt, man zieht sich zurück. Man könnte sagen, die depressive Zeit beginnt. Wo manche die einzige Lösung im Suizid sehen bzw. schon zu viele gesehen haben, habe ich durch welche Umstände auch immer zum Glauben gefunden und er hat mir das Leben gerettet.

Dabei saß auch ich viele Jahre im Religionsunterricht ganz hinten und hoffte die Unterrichtsstunde würde schnell vorübergehen. Der Glaube gab mir neue Kraft und päppelte mich wieder auf und ja, Homosexualität war lange Zeit kein Thema mehr. Meine Sexualität beschäftigte mich einfach nicht mehr im Geringsten. Der Glaube wuchs und wuchs, ich schlich mich regelmäßig in die Kirche, denn meine Eltern sind nicht wirklich religiös. Durch ein Schulprojekt wurde mein Interesse am Klosterleben geweckt und ließ mich nicht mehr los. So vergingen viele Jahre, ich machte mein Abitur, lernte einen Beruf und fing an zu arbeiten. Dann war es soweit, ich wagte den Schritt, ließ mich nachträglich firmen und bat an einem Kloster um Aufnahme. Kurz vor meiner tatsächlichen Aufnahme, sagte ich zu mir selbst: „Wenn du jemals das Kloster verlassen solltest, wirst du offen schwul leben.“ Dieser Satz sollte mich eigentlich dazu bewegen, dass Kloster niemals zu verlassen.

Einige Monate später hatte ich meine Versicherungen und meine Wohnung gekündigt, meine Möbel verkauft, mich von meinem Job beurlauben lassen und teilte mit meinen Mitbrüdern, in einem schwarzen Habit gekleidet, das klösterliche Leben. Ganz dem Motto „ora et labora et lege“ (bete und arbeite und lese), richtete ich mein Leben einzig und allein auf Gott aus. Meine Klosterzeit, war eine Zeit des sehr intensiven Selbstkennenlernens. Um das klösterliche Ideal des „habitare secum“ (des in sich selber Ruhens) zu erreichen, musste ich mich als ersten Schritt selbst kennenlernen. Denn nur wer sich selbst wirklich kennt und sich vor seinem Inneren nicht fürchtet, kann sich selbst aushalten und in sich selber ruhen. So setzte ich mich sehr intensiv mit mir auseinander und so kam das Thema Homosexualität erneut auf. Damit war die große Glaubenskrise vorprogrammiert.

Es schien nahezu unmöglich, als gläubiger Christ, schwul zu sein. Als sich dann ein Bischof, mit welchem ich im Kloster öfters Gespräche führte, sich bei einem Fernsehauftritt sehr deutlich (mit schwulenfeindlichen Äußerungen) zum Thema Homosexualität äußerte, dauerte es nicht mehr lange, bis ich aus dem Kloster austrat. An dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass auch noch andere Gegebenheiten zu diesem Entschluss führten. Nach meinem Austritt begann ich ein neues Leben.

Endlich hatte ich meine eigene Homosexualität akzeptiert und war so selbstbewusst wie nie zuvor. Ich brülle es nicht in die Welt hinaus, aber wenn mich jemand fragt ob ich schwul bin, sage ich die Wahrheit – nicht mehr. Es ist eine Form des Friedens, ein innerer Frieden, welchen ich im klösterlichen Leben anstrebte und nun im weltlichen Leben gefunden habe. Was meinen Glauben an Gott angeht... ich unterscheide sehr stark zwischen Glauben und Kirche. Ich glaube immer noch an einen Gott und hoffe er hat sich etwas dabei gedacht.

Sollte sich die Kirche (vor allem die katholische) mal der heutigen Zeit anpassen und ihre Engstirnigkeit bezüglich Homosexualität und Zölibat aufgeben, würde ich mich vermutlich umgehend als Priesteramtskandidat bewerben.

Artikel erstellt am 04.10.2011 von Henning

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